Schloss Johannisberg

Das älteste Weingut der Welt

Die wenigsten Weinliebhaber dürften wissen, dass sie bei jedem Schluck Riesling von Schloss Johannisberg das Erbe einer fast 1200 Jahre währenden Kloster-, Schloss- und Weingeschichte genießen – eine wechselvolle Geschichte, in deren Verlauf erfreuliche Weinentdeckungen gemacht wurden, für die heute Gourmets in aller Welt dankbar sind.

Die erste Weinernte wird im Jahr 817 n. Chr. urkundlich erwähnt, allerdings hieß der Berg damals, als sich Ludwig der Fromme über 6.000 Liter Wein freute, noch Bischofsberg. Erst 1130, als die Abteikirche der Benediktinermönche, die hier fleißig Wein anbauten, zu Ehren von Johannes dem Täufer geweiht wurde, erhielten der Berg, das Kloster – es war das erste der Benediktiner im Rheingau – und die Gemeinde den Namen Johannisberg.

1716 ließ der damalige Fürstabt von Fulda das Kloster abreißen und an gleicher Stelle ein barockes Schloss erbauen. Teile des inzwischen fast 900 Jahre alten Weinkellers blieben erhalten, und nachdem 1721 der große Keller vollendet wurde, zog ein willkommener Gast ein: Das so genannte „Kellertuch“ (lat. cladosporium cellare), ein sehr erwünschter Schimmelpilz, der die Luftfeuchtigkeit im Keller reguliert und dessen Vorhandensein optimale Verhältnisse für Weinausbau und Weinlagerung anzeigt.

Die Fürstäbte von Fulda erneuerten die Weinberge mit großem Eifer und ließen alleine in den Jahren 1719 und 1720 stolze 294.000 Rieslingreben setzen. Ihnen verdankt Schloss Johannisberg seinen Ruf als ältestes Riesling-Weingut der Welt. Die Rebsorte läutete eine neue Ära des Weinbaus im Rheingau ein – und nicht nur dort.

Die Erfindung der Spätlese auf Schloss Johannisberg ist einem Versehen geschuldet: Der reitende Bote aus Fulda, der die Order zur Lese brachte, hatte sich im Jahr 1775 um mehrere Wochen verspätet. Die inzwischen von Edelfäule befallenen Trauben wurden dennoch geerntet und gekeltert, und für das Ergebnis dankte man Gott, setzte dem Boten ein Denkmal im Schlosshof – und ließ per fürstäbtlichem Erlass von nun an immer so spät ernten.

Die weiteren Weltpremieren in der Geschichte des Weinbaus wurden nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern durch Neugierde, Experimentierfreude und vor allem durch das unermüdliche Bestreben der Johannisberger, aus etwas Gutem noch etwas Besseres zu machen, herbeigeführt. Genießer auf der ganzen Welt verdanken den Rheingauer Weinexperten die Entwicklung der Auslese, der Beeren- und der Trockenbeerenauslese sowie des Eisweins, der in Deutschland erstmals 1858 auf Schloss Johannisberg gelesen wurde.

Inzwischen ist der Johannisberg samt Schloss nach mehrfachem Wechsel der Besitzer (zu denen zeitweilig auch Napoleon zählte) durch eine Schenkung von Kaiser Franz I. im Jahre 1816 an das Haus von Metternich-Winneburg gegangen, genauer gesagt an den als Friedensstifter bekannt gewordenen Clemens Fürst von Metternich. Mit der Schenkung dankte der Kaiser dem berühmten Diplomaten für dessen Rolle beim Wiener Kongress 1815, bei der ihm das Kunststück gelang, Europa zu einem friedlichen Miteinander zu bringen. An das Geschenk war freilich die Auflage geknüpft, den zehnten Teil jeder Ernte an das österreichische Kaiserhaus abzugeben, eine Abmachung übrigens, die bis zum heutigen Tag ihre Gültigkeit hat.

Clemens Fürst von Metternich reihte sich nur zu gerne in die anspruchsvolle Tradition derer ein, die vor ihm auf Schloss Johannisberg das Sagen hatten. In weiser Voraussicht sorgte er für die Sektproduktion auf Schloss Johannisberg. Noch heute ziert sein Porträt das Etikett von Deutschlands mit Abstand beliebtesten und seit Jahren meist verkauften Riesling-Premiumsektes. Der Urenkel des Staatskanzlers, Paul Alfons Fürst von Metternich, ließ das nach dem 2. Weltkrieg fast völlig zerstörte Schloss Johannisberg bis 1965 wieder aufbauen.

1979 gewinnt das historische Weingut Johannisberg durch die Übernahme des G. H. von Mumm´schen Weingutes, das ebenfalls in der Ortschaft Johannisberg liegt und eines der angesehensten Weingüter des Rheingaus ist, an Bedeutung. Beide Weingüter sind heute unter der „Schloss Johannisberger Weingüterverwaltung“ vereint. Zusammen bilden sie den größten privaten Weinbergbesitz des Rheingaus; das Unternehmen verfügt seit der Übernahme über 35 Hektar Schloss Johannisberger und weitere 65 Hektar Rebflächen, die zum größten Teil mit Riesling (85 Prozent) und Spätburgunder (15 Prozent) bestockt sind.

Die Rieslinge von Schloss Johannisberg haben in den vergangenen Jahren unzählige Preise, Medaillen und Auszeichnungen gewonnen, so dass der Blick in die Zukunft erwartungsvoll und zuversichtlich ist. Doch als traditionsreiches Weingut gönnt es sich auch einen nicht minder lässigen Blick zurück: In der „Bibliotheca subterranea“, der unterirdischen Schatzkammer von Schloss Johannisberg, in über 900 Jahre alten Gewölben, ruht heute mit mehr als 11.000 Flaschen Riesling, die bis in den Jahrgang 1748 zurückgehen, die umfangreichste Riesling-Sammlung der Welt. Damit ist Schloss Johannisberg auch als Bibliothek des Rieslings ein nicht zu übertreffender Höhepunkt der gesamten Weingeschichte. Schade nur, dass die Zahl der Bibliotheksausweise so begrenzt ist ...

 
 
 

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